Xentral CRM: Kundenverwaltung im ERP oder separates Tool
Was Xentral an Kundenverwaltung mitbringt, wo die Grenze zu einem echten CRM verläuft, ab welcher Vertriebsrealität sich ein zweites System lohnt und wie du das führende System festlegst, bevor Dubletten entstehen.
In der Xentral-Dokumentation steht ein Satz, der die halbe Diskussion vorwegnimmt. Zum CRM im Adressstamm heißt es dort, die Ansicht sei immer auf eine einzelne Adresse bezogen, eine übergreifende Übersicht über alle Adressen hinweg oder Auswertungen seien nicht enthalten.
Das ist keine Schwäche, das ist eine Bauentscheidung. Und sie beantwortet die Frage nach Xentral CRM oder separatem Tool schärfer als jeder Funktionsvergleich. Ein ERP führt die Transaktion: Angebot, Auftrag, Rechnung, Zahlung. Ein CRM führt die Beziehung: Kontakthistorie, Pipeline, Aufgaben, Kampagnen. Wer das verwechselt, kauft entweder Software, die er nicht braucht, oder quält seinen Vertrieb mit einer Ansicht, die nie für ihn gedacht war.
Systeme fehlen im deutschen Mittelstand längst nicht mehr. Laut dem Digital Office Index 2024 von Bitkom nutzen 91 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten ein CRM, zwei Jahre zuvor waren es 77 Prozent. Ein ERP haben sogar 98 Prozent. Die meisten haben also bereits beides. Nur hat kaum jemand festgelegt, welches von beiden bei einem Kunden recht behält.
Was Xentral CRM heute schon kann
Mehr, als die meisten annehmen. Im Adressstamm unter Verkauf, Adressen, Adresse bearbeiten liegt der Tab CRM. Dort siehst du die Historie aller Aktivitäten zu dieser Adresse plus die zugehörigen Belege. Briefe und E-Mails legst du direkt aus der Adresse an, sie landen automatisch in der Historie, mit Bearbeiter, Datum und Betreff.
Für die Nachverfolgung gibt es Wiedervorlagen. Die tragen mehr Felder, als der Name vermuten lässt: Volumen in Euro, Chance in Prozent, Verantwortlicher, Bearbeiter, Erinnerungsdatum mit optionaler E-Mail, Prio, dazu untergeordnete Aufgaben.
Und daraus baut Xentral eine echte Pipeline. Der Sales Funnel sortiert Wiedervorlagen in frei definierbare Stages, die du per Drag-and-drop verschiebst und nach unten als Win oder Loss abschließt. Es gibt mehrere Funnels, eine Statistikansicht und Filter auf fällige oder eigene Vorgänge. Die Chance in Prozent zieht das System beim Verschieben automatisch aus der Stage.
Dazu kommt ein Ticketsystem, das eingehende E-Mails in Tickets verwandelt und der Adresse zuordnet, sowie eine fertige Anbindung an HubSpot.
Das ist deutlich mehr als eine Kundenliste. Es ist nur eben kein Vertriebswerkzeug.
Die Grenze verläuft bei der Auswertung, nicht beim Funktionsumfang
Zurück zu dem Satz vom Anfang. Die Kundenakte in Xentral ist adressbezogen. Du siehst alles zu diesem einen Kunden, sobald du ihn geöffnet hast. Was du nicht siehst: alle Kunden, bei denen seit 30 Tagen niemand angerufen hat. Alle Vorgänge einer Kampagne. Alle Leads aus dem Messekontakt vom März. Die Doku nennt auch, dass Tickets aus dem Service-Bereich im CRM-Tab der Adresse nicht auftauchen.
Ein ERP ist auf den Vorgang optimiert, nicht auf die Menge der Beziehungen. Es fragt: Was ist mit diesem Auftrag? Ein CRM fragt: Wen habe ich zu lange nicht angefasst, und was ist die wahrscheinlichste Zahl für nächsten Monat? Das sind zwei verschiedene Blickrichtungen auf dieselben Daten.
Die Schwelle für ein zweites System
Häng die Entscheidung an deine Vertriebsrealität, nicht an die Mitarbeiterzahl. Ein Händler mit 40 Leuten und rein transaktionalem Verkauf braucht kein CRM. Ein Zulieferer mit sechs Leuten und einem Verkaufszyklus über drei Monate schon.
Die Regel, mit der wir in Projekten arbeiten: Ab rund 20 gleichzeitig offenen Verkaufsvorgängen, die im Schnitt mehr als drei Kontakte und mehr als vier Wochen bis zur Entscheidung brauchen und an denen mehr als eine Person arbeitet, trägt ein eigenes CRM. Darunter nicht, weil der Sales Funnel in Xentral genau diesen kleineren Fall abdeckt und ein zweites System dann nur Pflegeaufwand und eine Schnittstelle hinzufügt, ohne eine einzige Frage besser zu beantworten.
Solange der Verkauf so läuft, dass der Kunde bestellt und du lieferst, reicht das ERP. Sobald jemand eine Pipeline steuern, Forecasts abgeben oder eine Übergabe zwischen zwei Vertrieblern sauber dokumentieren muss, reicht es nicht mehr.
Wann ein separates CRM Geld verbrennt
Wenn niemand im Team das CRM als Hauptwerkzeug offen hat. Wenn alle es “auch noch” pflegen, neben Angebot, Telefon und Wareneingang, dann bleibt es leer. Und ein halb gepflegtes CRM ist schlechter als eine gepflegte Kundenakte im ERP, weil es Vertrauen in Daten erzeugt, die nicht stimmen. Der Geschäftsführer schaut in die Pipeline, sieht 80.000 Euro und plant damit. Drei der fünf Vorgänge sind seit sechs Wochen tot, nur hat es keiner eingetragen.
Rechne den Pflegeaufwand vorher durch, bevor du eine Lizenz vergleichst. Fünf Minuten pro Vorgang und Woche sind knapp bemessen. Bei 20 offenen Vorgängen sind das knapp 1,7 Stunden pro Woche, über 45 Arbeitswochen also etwa 75 Stunden im Jahr. Mit 50 Euro internen Stundenkosten landest du bei rund 3.750 Euro reiner Pflegezeit, bevor die erste Lizenzrechnung kommt. Die Anbindung an Xentral mit Feldabgleich und Dublettenregel liegt nach unserer Projekterfahrung bei 3 bis 8 Entwicklungstagen, bei einem Tagessatz von 1.000 Euro also einmalig 3.000 bis 8.000 Euro. Ob sich das gegen ein fertiges Produkt rechnet, haben wir für den Fall eigenes CRM statt Salesforce einmal komplett durchgerechnet.
Das führende System legst du pro Feld fest, nicht pro System
Der Punkt, an dem die meisten Projekte kippen. Sobald zwei Systeme Kundendaten halten, muss vorher feststehen, welches die Wahrheit hält und in welche Richtung synchronisiert wird. “Beide” ist keine Antwort.
Die Aufteilung, die in der Praxis hält, verläuft entlang der Frage, ob aus einem Feld ein Beleg wird.
Das ERP führt: Firmierung, Rechnungs- und Lieferanschrift, USt-ID, Zahlungsbedingung, Bankverbindung, Kunden- und Lieferantennummer. Xentral schreibt dazu selbst, dass die USt-ID darüber entscheidet, ob eine Rechnung an einen EU-Kunden mit oder ohne Umsatzsteuer rausgeht. Ein einzelnes Feld, das der Vertrieb aus dem CRM heraus überschreibt, ist damit ein Steuerthema.
Das CRM führt: Ansprechpartner und ihre Rollen, Gesprächsnotizen, Pipeline-Phase, Abschlusswahrscheinlichkeit, Aufgaben, Lead-Quelle und Kampagnenzugehörigkeit.
Für jedes Feld gilt danach: Das nicht führende System bekommt den Wert per Einweg-Sync und schreibt ihn nicht zurück. Wo das technisch nicht sperrbar ist, sperrst du es organisatorisch und prüfst es im Monatsrhythmus.
Der Fehler, der Dubletten produziert
Bidirektionale Synchronisation ohne festgelegtes führendes System. Klingt harmlos, ist der teuerste Fehler in diesem Thema, weil sich die Folgen später kaum noch sauber auflösen lassen.
Wie das entsteht, zeigt die Xentral-Anbindung an HubSpot ziemlich genau. Laut Dokumentation gelten zwei Kontakte als derselbe, wenn die E-Mail-Adresse zu 100 Prozent übereinstimmt. Adressen ohne E-Mail-Adresse werden gar nicht synchronisiert. Firmen gelten als dieselbe, wenn der Firmenname zu mindestens 70 Prozent übereinstimmt und die Postleitzahl exakt passt.
Ein Kunde zieht um, die Postleitzahl ändert sich, der Abgleich greift nicht mehr, es entsteht ein zweiter Datensatz. Ab da laufen Angebote über den einen und Rechnungen über den anderen.
Die zweite Falle steht ebenfalls in der Doku und wird fast immer falsch erwartet: Änderungen und Löschungen einzelner Felder, etwa einer Telefonnummer, werden nicht ins jeweils andere System übertragen. Der Abgleich legt an und ergänzt, er korrigiert nicht. Dein Vertrieb ruft also monatelang eine Nummer an, die in Xentral längst berichtigt ist. Wie so eine Anbindung technisch sauber aufgesetzt wird, steht im Beitrag zur CRM-Integration und Datensynchronisation.
Was du jetzt tun kannst
Öffne den Sales Funnel in deinem Xentral und zähl, wie viele offene Vorgänge dort tatsächlich gepflegt sind. Ist er leer, obwohl dein Vertrieb an 30 Sachen gleichzeitig arbeitet, hast du kein Werkzeugproblem, sondern ein Prozessproblem. Ein zweites System repariert das nicht, es verdoppelt es.
Kommst du zu dem Schluss, dass du beides brauchst, schreib vor dem ersten Klick die Feldliste auf: Wer führt was, in welche Richtung fließt es, und welches Feld darf niemand von der Gegenseite überschreiben. Für die Anbindung selbst braucht es jemanden, der beide Seiten kennt, und genau das ist unsere Arbeit beim Einführen und Anbinden von ERP-Systemen. Bist du unsicher, ob dein Fall die Schwelle für ein zweites System überhaupt reißt, nimm eine Fokus-Session dazu: 60 Minuten, um die Feldliste festzuzurren, wer also welches Feld führt und welche Richtung gesperrt bleibt.
Über den Autor
Gründer & Geschäftsführer der BuI Hinsche GmbH und der Marke Business.Digital
Matthias Hinsche baut seit 2006 E-Commerce-Lösungen. Vom ersten osCommerce-Modul bis zur KI-gestützten Prozessautomatisierung. Shopware Premium Extension Partner, xentral-Partner, und einer der wenigen, die sowohl Core-Entwicklung als auch betriebswirtschaftliche Prozesse wirklich verstehen.
Begriffe aus diesem Beitrag
Kurz erklärt in unserem FAQ, jeweils in ein bis zwei Minuten gelesen.
Verwandte Beiträge
Xentral Streckengeschäft einrichten: Dropshipping mit ERP
Streckengeschäft in Xentral abbilden: Artikel Streckenlieferanten zuordnen, Lieferantenbestellung automatisch auslösen, Teillieferungen und Tracking sauber führen. Mit Rechnung zur Schwelle, ab der sich die Strecke gegenüber dem Eigenlager lohnt.
Weiterlesen
Xentral und Amazon FBA: Integration und Stolperfallen
Wie du FBA-Bestand und Eigenlager in Xentral sauber trennst, Umlagerungen und Retouren richtig buchst, Amazon-Settlements korrekt behandelst und ab welcher SKU-Zahl sich eine echte Schnittstelle statt manueller Pflege rechnet.
Weiterlesen
Xentral oder JTL: Welches ERP passt zu deinem E-Commerce?
Xentral und JTL-Wawi sind die wichtigsten ERP-Systeme für deutschen E-Commerce. Dieser Vergleich zeigt die Unterschiede bei Preisen, Architektur, Shopware-Integration und Automatisierung.
WeiterlesenAus der Theorie in dein Geschäft
Brauchst du Hilfe bei der Umsetzung?
Wir bauen genau diese Themen täglich für Mittelständler. Buche ein kostenloses Erstgespräch (30 Minuten), oder finde in 2 Minuten heraus, wo bei dir der größte Hebel liegt.
Newsletter
Hat dir der Beitrag geholfen?
Dann bekommst du einmal im Monat genau solche Artikel zu KI, Automation und Digitalisierung im Mittelstand. Ohne Spam, jederzeit kündbar.