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Softwareentwicklung 8 Min. Lesezeit

Software für Maschinen- und Anlagenbau: Vom Angebot über die Konfiguration bis zur Wartung

Wo Software im Maschinenbau wirklich Geld bewegt: bei der Angebotskalkulation für Sondermaschinen, beim Variantenkonfigurator und im Ersatzteil- und Servicegeschäft nach der Inbetriebnahme. Mit aktuellen VDMA-Zahlen, einem Rechenbeispiel und einer ehrlichen Abgrenzung.

Roboter konfiguriert eine Sondermaschine an einem Bildschirm mit Varianten und Stückliste, Sinnbild Software für Maschinenbau

“Jedes Angebot ist bei uns ein Einzelfall.” Diesen Satz hören wir in Maschinenbau-Betrieben ziemlich oft, meistens in einer Mischung aus Stolz und Erschöpfung. Stolz, weil genau das der Grund ist, warum Kunden überhaupt anfragen. Erschöpfung, weil er im Alltag bedeutet: Ein erfahrener Konstrukteur sitzt zwei Tage an einer Kalkulation, die zu großen Teilen aus Dingen besteht, die er im letzten Jahr schon einmal gerechnet hat.

Software für Maschinenbau im Mittelstand scheitert selten daran, dass jemand die Technik nicht versteht. Der Grund liegt woanders: Die Variantenvielfalt, die dein Wettbewerbsvorteil ist, passt in kein Standardprodukt. Und das Wissen, welche Option mit welcher kombinierbar ist, steckt in drei Köpfen und einer Excel-Datei, die niemand außer Herrn Meier anfassen darf.

Dann kommt der Teil, über den in Digitalisierungsprojekten am wenigsten geredet wird, obwohl er die stabilste Marge trägt: Was passiert eigentlich, nachdem die Maschine beim Kunden steht?

Software für Maschinenbau im Mittelstand ist ein Variantenproblem, kein IT-Problem

Die Lage in der Branche macht das Thema unbequem dringlich. Der VDMA hat Ende Juni seine Produktionsprognose für 2026 auf null Wachstum gesenkt, nachdem vorher noch ein Prozent im Raum stand. VDMA-Chefvolkswirt Johannes Gernandt begründet das mit dem Krieg in der Golfregion, neuen Lieferkettenproblemen und einer schwachen Auslastung. Die technische Kapazitätsauslastung lag im April bei 77,8 Prozent, der langjährige Durchschnitt liegt bei 85,6 Prozent.

Interessant ist der Widerspruch darin: Der Auftragseingang stieg von Januar bis April preisbereinigt um drei Prozent, die tatsächliche Produktion sank im selben Zeitraum um 2,6 Prozent. Aufträge kommen also durchaus rein. Nur laufen sie schlechter durch den Betrieb, als sie könnten.

Beim Digitalisierungsgrad steht der Maschinenbau gar nicht so schlecht da, wie das Klischee vom Zettelwirtschaft-Mittelstand nahelegt. Für seine im April veröffentlichte Umfrage hat der VDMA 248 Mitgliedsunternehmen befragt: 59 Prozent haben eine Digitalisierungsstrategie, 74 Prozent sehen sich digital mindestens gleichauf mit dem Wettbewerb. Der spannende Teil steht im Kleingedruckten. Bei Unternehmen bis 49 Mitarbeitern haben nur 53 Prozent eine Strategie, bei den Großen ab 3.000 Mitarbeitern sind es 83 Prozent. Die Schere geht genau dort auf, wo die meisten Maschinenbauer sitzen.

Die Hürden sind laut derselben Befragung fast alle organisatorisch, nicht technisch: IT-Sicherheitsanforderungen nennen 60 Prozent, Change Management 47 Prozent, Umsetzungsgeschwindigkeit 44 Prozent, Personalressourcen 42 Prozent. Geld steht mit 34 Prozent weit hinten. Die DIHK kommt in ihrer Digitalisierungsumfrage 2026 mit rund 4.700 Unternehmen zum gleichen Muster: Zeit bremst 58 Prozent, Komplexität 56 Prozent, Geld nur 40 Prozent.

Ehrlich gesagt deckt sich das mit unserer Projekterfahrung. Am Budget scheitert fast nie etwas. Es scheitert daran, dass die drei Leute, die wirklich wissen, wie kalkuliert wird, keine zwei Stunden pro Woche freimachen können.

Angebot und Konfiguration: hier verlierst du die Marge vor dem Auftrag

Die Angebotsphase im Sondermaschinenbau ist der teuerste unbezahlte Prozess im Unternehmen. Du kalkulierst aufwendig, und nach unserer Erfahrung werden aus zehn Kalkulationen zwei oder drei Aufträge. Der Rest ist Arbeit, die niemand bezahlt. Das ist kein Fehler, das ist das Geschäftsmodell. Aber der Aufwand pro Kalkulation ist eine Stellschraube.

Ein Überschlag, damit es greifbar wird. Laut Destatis kostete eine geleistete Arbeitsstunde in Deutschland 2025 im Schnitt 45,00 €. Ein Konstrukteur liegt darüber, rechnen wir trotzdem konservativ mit dem Durchschnitt. Acht Angebote im Monat, je zwölf Stunden Kalkulation, macht 96 Stunden und rund 4.300 € monatlich. Über das Jahr etwa 52.000 €. Nimmt ein Konfigurator die Hälfte der Routinearbeit ab, sind das grob 26.000 € pro Jahr. Nur an dieser einen Stelle. Das ist ein Rechenbeispiel mit Destatis-Durchschnittswert, kein Projektergebnis.

Der eigentliche Hebel ist schwerer zu beziffern. Ein sauberes Regelwerk verhindert, dass jemand eine Kombination verkauft, die technisch nicht funktioniert. Jeder Maschinenbauer kennt den Auftrag, bei dem erst im Engineering auffiel, dass die zugesagte Option mit der gewählten Steuerung nie zusammengepasst hat. Solche Fehler kosten nicht Stunden, sie kosten Wochen und manchmal die Kundenbeziehung.

Was so ein System können muss, ist unspektakulär und genau deshalb selten von der Stange zu haben:

  • Regelwerk statt Produktliste. Welche Option schließt welche aus, welche erzwingt welche. Das ist Logik, kein Katalog.
  • Kalkulation und Konfiguration in einem Schritt. Wer die Variante wählt, sieht den Preis. Ohne Rückfrage in der Konstruktion.
  • Stückliste als Ergebnis, nicht als Nacharbeit. Aus der Konfiguration fällt die Stückliste ins ERP, nicht in ein PDF, das jemand abtippt.
  • Angebotsdokument automatisch. Technische Beschreibung, Preisblatt, Lieferzeit. Erzeugt, nicht zusammenkopiert.

Ob du dafür Individualsoftware brauchst oder ob ein Standard-Konfigurator reicht, ist eine ernsthafte Frage. Die Antwort hängt daran, wie exotisch dein Regelwerk ist. Woran du merkst, dass Standard nicht mehr trägt, haben wir in den Signalen für die Grenzen von Standardsoftware aufgeschrieben. Kurzfassung: Wenn du deine Prozesse an die Software anpasst, obwohl der Prozess dein Alleinstellungsmerkmal ist, läuft etwas falsch.

Nach der Inbetriebnahme beginnt das Geschäft, das bleibt

Jetzt der Teil, den wir für den strategisch wichtigsten halten. Du verkaufst eine Maschine mit einer Lebensdauer von 15 oder 20 Jahren. Der Verkauf ist ein Tag. Der Service sind zwei Jahrzehnte.

Bei einer Auslastung von 77,8 Prozent im Neumaschinengeschäft ist das keine Randnotiz. Ersatzteile und Wartung hängen an der installierten Basis, nicht an der Konjunktur. Eine Maschine, die läuft, braucht Verschleißteile, egal wie die Auftragslage aussieht. Das Servicegeschäft ist der Puffer, den die Produktion gerade nicht hat.

An dieser Stelle bleiben wir bei der Wahrheit: Belastbare, aktuelle Zahlen zum Serviceanteil am Umsatz im deutschen Maschinenbau sind erstaunlich dünn. Beratungshäuser nennen Spannen zwischen 25 und 30 Prozent, meist ohne Jahresangabe und ohne offengelegte Stichprobe. Eine Untersuchung von Fraunhofer CML und VDMA kommt auf 24 Prozent, bezieht sich aber auf die maritime Zulieferindustrie und ist rund zehn Jahre alt. Eine aktuelle VDMA-Zahl für den Maschinenbau insgesamt haben wir nicht gefunden. Wer dir eine nennt, sollte sagen können, woher sie stammt.

Unabhängig von der genauen Prozentzahl: In den Betrieben, mit denen wir arbeiten, ist die Service-Marge regelmäßig höher als die Marge auf der Neumaschine. Das ist kein Zufall. Beim Neugeschäft stehst du im Preiskampf gegen drei Wettbewerber. Beim Ersatzteil für deine eigene Maschine stehst du allein da, solange kein Nachbauer das Teil kopiert.

Software macht daraus ein Geschäft statt einer Reaktion:

  1. Die Maschinenakte. Welche Maschine steht wo, in welcher Konfiguration, mit welcher As-built-Stückliste? Ohne diese Information ist jede Ersatzteilanfrage eine Rechercheaufgabe für den Kollegen, der 2011 dabei war.
  2. Das Ersatzteilportal. Der Kunde sucht sein Teil über die Seriennummer und bestellt selbst. Kein Telefonat, keine Rückfrage, keine Fehlbestellung. Technisch ist das ein Shop, der auf der Maschinenakte sitzt und am ERP hängt.
  3. Wartung als Vertrag, nicht als Zufall. Betriebsstunden auslesen, Wartungsintervall erkennen, Termin vorschlagen. Aus “der Kunde meldet sich, wenn was kaputt ist” wird planbarer Umsatz.
  4. Fernwartung mit Protokoll. Ein Techniker, der das Problem aus der Ferne sieht, spart die Anreise. Der Kunde bekommt seine Maschine schneller zurück, du sparst einen Tag Monteur.

Hand aufs Herz: Punkt 1 ist der unsexy Teil, und er ist Voraussetzung für alles andere. Ein Ersatzteilportal ohne saubere Maschinendaten ist eine hübsche Oberfläche über einem Ratespiel. Wer hier abkürzt, baut ein Portal, das der Vertrieb nach vier Monaten wieder umgeht.

Was Software im Maschinenbau nicht löst

Ein Konfigurator ersetzt keine Konstruktionsentscheidung. Er bildet Regeln ab, die du vorher selbst kennen musst. Wenn in deinem Haus niemand präzise sagen kann, welche Optionen zusammenpassen, ist das kein Softwareprojekt, sondern ein Klärungsprojekt. Und das erledigen wir nicht für dich, das müssen deine Leute leisten. Wir moderieren es, mehr nicht.

Ein Ersatzteilportal erzeugt keine Nachfrage. Es macht bestehende Nachfrage schneller und billiger abwickelbar. Wenn deine installierte Basis klein ist, lohnt sich der Aufwand schlicht nicht. Bei 30 Maschinen im Feld genügt ein gepflegtes ERP und ein Mensch, der ans Telefon geht.

Und die Kosten hören nach dem Launch nicht auf. Als Faustregel rechnen wir mit jährlichen Wartungskosten von 15 bis 20 Prozent der ursprünglichen Projektkosten. Wer das nicht einplant, hat in drei Jahren ein System, das keiner mehr anfassen will. Was da konkret drinsteckt, steht in unserem Beitrag zu Wartung und Support nach dem Launch.

Zur Abhängigkeit noch ein Wort, weil die Frage im Erstgespräch fast immer kommt. Der Bitkom Cloud Report 2026 nennt Lock-in-Effekte für 59 Prozent die größte Hürde beim Anbieterwechsel. Die Sorge ist berechtigt. Unsere Antwort ist unromantisch: dokumentierter Code, offene Schnittstellen, deine Daten in deiner Datenbank. Du sollst bleiben, weil es gut läuft, nicht weil du nicht wegkannst.

Der Personalengpass trifft dich unabhängig davon, ob du selbst baust oder bauen lässt. Laut Bitkom fehlten in Deutschland zuletzt 109.000 IT-Fachkräfte, eine offene Stelle bleibt im Schnitt 7,7 Monate unbesetzt. Wenn dein Plan lautet, den Konfigurator intern zu entwickeln, ist das der erste Punkt, an dem du rechnen solltest.

Wenn du gerade überlegst, wo bei dir der größte Hebel liegt, im Angebot oder im Service, dann fang bei der Zahl an, die du am schlechtesten kennst. Meistens ist es der Serviceumsatz. Schau dir an, wie wir Software entwickeln, oder nimm dir eine Fokus-Session. Eine Stunde, in der wir gemeinsam auf deine Angebots- und Servicekette schauen. Kein Verkaufsgespräch, und wenn dein größter Hebel woanders liegt, sagen wir dir das.

#Softwareentwicklung #Maschinenbau #Aftersales

Über den Autor

Matthias Hinsche
Matthias Hinsche

Gründer & Geschäftsführer, BuI Hinsche GmbH / Business.Digital

Matthias Hinsche baut seit 2006 E-Commerce-Lösungen. Vom ersten osCommerce-Modul bis zur KI-gestützten Prozessautomatisierung. Shopware Premium Extension Partner, xentral-Partner, und einer der wenigen, die sowohl Core-Entwicklung als auch betriebswirtschaftliche Prozesse wirklich verstehen.

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