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Softwareentwicklung 8 Min. Lesezeit

Software entwickeln lassen: Ausland oder Deutschland? Der ehrliche Kostenvergleich

Nearshore und Offshore sind billiger, aber nicht so viel billiger, wie das Angebot verspricht. Eine offene Beispielrechnung mit Koordinationsaufwand, dazu Destatis-Arbeitskosten im EU-Vergleich und die Fälle, in denen wir dir als deutscher Anbieter selbst zum Ausland raten.

Roboter vergleicht zwei Angebote auf einer Waage, Sinnbild Software entwickeln Ausland vs Deutschland

“Wir haben ein Angebot aus Polen. 480 € am Tag. Ihr liegt bei 950.” Solche Sätze hören wir regelmäßig, und sie sind berechtigt. Wer plötzlich die Hälfte zahlen könnte, wäre schlecht beraten, nicht nachzufragen.

Eine Vorbemerkung in eigener Sache: Wir sind ein deutscher Anbieter und verdienen Geld damit, dass hier entwickelt wird. Du bekommst deshalb kein Offshore-Bashing, sondern eine Rechnung, die du selbst nachprüfen kannst. Wenn du Software entwickeln lassen willst und Ausland gegen Deutschland abwägst, ist die interessante Frage nämlich nicht, ob der Stundensatz niedriger ist. Er ist niedriger. Die Frage ist, wie viel von der Ersparnis am Ende übrig bleibt.

Spoiler: ein guter Teil. Nur eben nicht der, der auf dem Angebot steht.

Der Fachkräftemangel treibt die Frage, nicht der Geiz

Bitkom hat im Sommer 2025 für seine IT-Fachkräfte-Studie 855 Unternehmen befragt und im August veröffentlicht: In der deutschen Wirtschaft fehlen rund 109.000 IT-Fachkräfte, eine offene IT-Stelle bleibt im Schnitt 7,7 Monate unbesetzt, und 79 Prozent der Befragten rechnen mit einer weiteren Verschärfung.

Das ist der eigentliche Grund, warum über Nearshoring gerade so laut geredet wird. Es geht selten darum, ein paar Euro rauszuquetschen. Es geht darum, dass du ein Team brauchst und hier keins bekommst. Wer acht Monate auf einen Entwickler wartet, hat kein Preisproblem. Er hat ein Zeitproblem. Ein Anbieter in Krakau oder Bukarest, der dir in vier Wochen drei Leute hinstellt, löst genau dieses.

Die Kehrseite steht in derselben Studie: Nur 14 Prozent der Unternehmen haben bisher überhaupt im Ausland rekrutiert, ein Viertel plant es. Zwischen “alle reden davon” und “kaum einer macht es” klafft eine ordentliche Lücke.

Software entwickeln im Ausland vs. Deutschland: der ehrliche Kostenvergleich

Zuerst ein Problem mit den Zahlen, die im Netz herumliegen. Die Angaben zu Nearshore-Stundensätzen schwanken je nach Quelle zwischen 15 und 80 € für dieselbe Region Osteuropa. Das ist Faktor fünf. Solche Zahlen stammen fast immer von jemandem, der etwas verkaufen will, in die eine oder die andere Richtung. Belastbar ist daran wenig.

Näher an der Wahrheit ist der Blick auf die Arbeitskosten. Das Statistische Bundesamt hat Ende April 2026 die Eurostat-Zahlen für 2025 veröffentlicht: Eine geleistete Arbeitsstunde kostet Arbeitgeber in Industrie und Dienstleistung in Deutschland im Schnitt 45,00 €, rund 29 Prozent mehr als im EU-Durchschnitt von 34,90 €. In Polen sind es 19,10 €, in Portugal 19,40 €, in Rumänien 13,60 €.

Auf der Lohnseite ist das Faktor 2,3 bis 3,3. In deinem Angebot kommt davon deutlich weniger an, weil ein Nearshore-Dienstleister Marge, Vertrieb und Projektleitung draufrechnet, meistens in Euro und meistens an westeuropäischen Erwartungen orientiert. Real landest du eher bei Faktor 1,5 bis 2. Das ist unser Erfahrungswert aus Angebotsvergleichen, keine Statistik, behandle ihn bitte auch so.

Was in keinem Angebot steht, ist der Aufwand, der bei dir anfällt.

Eine Beispielrechnung zum Nachrechnen

Alle Annahmen liegen offen, ersetz sie durch deine eigenen. Nimm ein Projekt mit geschätzt 100 Entwicklertagen und rund sechs Monaten Laufzeit.

Der deutsche Anbieter ruft 950 € am Tag auf, macht 95.000 €. Der Nearshore-Anbieter liegt bei 480 €, macht 48.000 €. Auf dem Papier sparst du 47.000 €, also fast die Hälfte.

Jetzt die Posten, die niemand ins Angebot schreibt. Die folgenden Aufschläge sind Erfahrungswerte aus Projekten, keine belegten Durchschnitte:

  • Koordination bei dir im Haus. Mit einem entfernten Team brauchst du grob einen Tag pro Woche für Abstimmung, Reviews und Rückfragen, mit einem Anbieter in gleicher Zeitzone und Sprache eher einen halben. Über 26 Wochen: 26 Tage gegen 13 Tage. Bewertet mit 400 € internem Kostensatz sind das 10.400 € gegen 5.200 €.
  • Spezifikation. Was im Lastenheft nicht steht, wird nicht gebaut. Ein Team, das dein Geschäft nicht kennt, zwingt dich zu präziserer Vorarbeit. Setz 10 zusätzliche Tage an, an denen Fachbereich und Projektleitung gemeinsam dransitzen, bewertet mit 900 € für beide zusammen: 9.000 €.
  • Nacharbeit durch Missverständnisse. Rechne mit 15 Prozent Rework auf die 100 Tage, also 15 Tage à 480 €: 7.200 €.
  • Personalwechsel. Ein Wechsel im Team über die Laufzeit, 10 Tage Einarbeitung, die du mitbezahlst: 4.800 €.

Nearshore gesamt: 48.000 plus 10.400 plus 9.000 plus 7.200 plus 4.800 macht 79.400 €. Deutscher Anbieter: 95.000 plus 5.200 macht 100.200 €.

Und jetzt die für uns unbequeme Pointe: Der Nearshore-Anbieter gewinnt diese Rechnung. Rund 21 Prozent günstiger. Nur eben nicht 49 Prozent, wie das Angebot suggeriert. Wer dir erzählt, Nearshoring rechne sich grundsätzlich nicht, verkauft dir etwas.

Das gilt nur für diese Größenordnung. Bei 20 statt 100 Entwicklertagen kippt die Rechnung ins Minus: 30.440 € nearshore gegen 24.200 € hier, weil Spezifikation und Koordination einen festen Sockel haben, der nicht mitschrumpft. Nearshore lohnt sich nach dieser Rechnung erst ab rund 36 Entwicklertagen. Beim Rework liegt die Schmerzgrenze dagegen weit weg: Bei 25 statt 15 Prozent schrumpft der Vorsprung von 21 auf 16 Prozent, ganz weg ist er erst bei rund 58 Prozent. Wer damit rechnet, hat ein anderes Problem als den Stundensatz. Kleine Projekte sind der Fall, in dem Auslagern am wenigsten bringt.

Wann das Ausland die richtige Wahl ist

Hand aufs Herz: Es gibt Konstellationen, in denen wir dir selbst zu einem Team im Ausland raten würden.

Wenn die Anforderungen stehen. Eine App nach fertigem Design, eine Datenmigration, Testautomatisierung, die Portierung eines Altsystems. Klar abgegrenzte Arbeit mit stabilem Ziel überträgt sich gut, und genau hier bleibt der Rework-Aufschlag aus der Rechnung oben klein.

Wenn du Menge brauchst. Sechs Entwickler für neun Monate bekommst du bei 7,7 Monaten Besetzungsdauer in Deutschland schlicht nicht rechtzeitig zusammen. Ein etablierter Anbieter in Polen oder Rumänien stellt dir das Team in Wochen.

Wenn du technische Führung im Haus hast. Der eigentliche Knackpunkt. Wer jemanden hat, der Architektur bewertet, Code reviewt und ein Team fachlich steuern kann, kauft Entwicklung fast überall gut ein. Wer das nicht hat, kauft kein günstiges Team, sondern ein Risiko, das er nicht sehen kann.

Wenn es die EU ist. Polen, Rumänien und Portugal spielen im selben Rechtsraum. Gleiche Zeitzone oder eine Stunde Versatz, EU-Gerichtsstand, keine Datenschutz-Sonderkonstruktion. Der Unterschied zwischen Nearshore in der EU und Offshore außerhalb ist größer als der zwischen Nearshore und Deutschland. Wer beides in einen Topf wirft, macht es sich zu einfach.

Die Gegenprobe gehört dazu. Wenn du ein ERP mit deutscher Steuer-, GoBD- und Zolllogik anfasst, wenn sich die Anforderungen erst während des Bauens klären, wenn dein Fachbereich direkt mit dem Entwickler reden muss, dann zahlst du den Preisvorteil in Abstimmung wieder zurück. In diesen Fällen raten wir ab, und zwar nicht, weil wir den Auftrag wollen.

Worauf du bei einem Anbieter im Ausland achtest

Fünf Punkte, die wir an deiner Stelle prüfen würden.

  1. Rechtsraum und Gerichtsstand. Ein Urteil gegen eine GmbH in Deutschland vollstreckst du. Innerhalb der EU läuft das noch geordnet. Bei einem Anbieter außerhalb hast du einen Vertrag, der theoretisch gilt, und eine Durchsetzung, die praktisch teuer und langsam wird. Klär früh, welches Recht gilt und wo geklagt wird.
  2. DSGVO und Datenfluss. Sitzen die Entwickler in der EU, brauchst du einen Auftragsverarbeitungsvertrag, mehr nicht. Bekommt ein Team außerhalb der EU Zugriff auf Echtdaten, Backups oder Produktivsysteme, wird es aufwendiger: Standardvertragsklauseln plus eine Prüfung, ob im Zielland überhaupt ein angemessenes Schutzniveau erreichbar ist. Das kostet Zeit und Beratung. Wir sind keine Anwälte, für die Bewertung deines Falls brauchst du echten Rechtsrat.
  3. Gewährleistung und Rechte am Code. Wem gehört der Quellcode? Wer behebt einen Fehler, der ein Jahr nach Abnahme auffällt, und zu welchem Preis? Diese Frage ist bei jedem Anbieter wichtig und bei einem entfernten kritisch.
  4. Fluktuation, fair betrachtet. Bei den großen indischen IT-Dienstleistern lag die Fluktuation zuletzt laut Quartalsberichten bei rund 13 bis 15 Prozent, nach etwa 23 Prozent im Spitzenjahr 2022/23. Das ist kein Drama, das ist normaler IT-Alltag. Wichtig ist nicht die Prozentzahl, sondern was passiert, wenn dein Entwickler wechselt. Frag, wer dein Team namentlich ist und wer das Wissen hält.
  5. Zeitzone und Sprache. Osteuropa bedeutet null bis eine Stunde Versatz, du arbeitest normal weiter. Indien liegt je nach Jahreszeit 3,5 bis 4,5 Stunden vor uns, was rund vier Stunden gemeinsame Kernzeit lässt. Das funktioniert, aber jede Rückfrage kostet dich einen halben Tag. Bei der Sprache geht es nicht um Englischnoten, sondern darum, ob jemand deine Fachbegriffe versteht. “Kommissionierung” ist kein Vokabelproblem.

Ausland gegen Deutschland ist keine Glaubensfrage, sondern eine Rechnung mit mehr Zeilen, als die meisten aufmachen. Der Stundensatz ist eine davon und nicht die wichtigste. Ist dein Projekt klar umrissen, kannst du technisch steuern und stimmt die Menge, dann ist Nearshore in der EU eine gute Wahl, auch wenn uns das keinen Auftrag bringt. Brauchst du dagegen jemanden, der dein Geschäft versteht, in deiner Sprache über deine Prozesse redet und in drei Jahren noch ans Telefon geht, wird es hier gebaut.

Wie sich die Sätze zusammensetzen, steht im Beitrag zum Tagessatz Softwareentwicklung, der komplette Rahmen im Kosten-Überblick. Wie wir selbst kalkulieren, zeigt unsere Seite zur individuellen Softwareentwicklung.

Und wenn ein konkretes Auslandsangebot auf deinem Tisch liegt: Bring es mit in eine Fokus-Session. Wir rechnen es gemeinsam durch, mit deinen Zahlen statt unseren Beispielwerten. Kein Verkaufsgespräch. Wenn das Angebot gut ist, sagen wir dir das.

#Softwareentwicklung #Nearshoring #Projektkosten

Über den Autor

Matthias Hinsche
Matthias Hinsche

Gründer & Geschäftsführer, BuI Hinsche GmbH / Business.Digital

Matthias Hinsche baut seit 2006 E-Commerce-Lösungen. Vom ersten osCommerce-Modul bis zur KI-gestützten Prozessautomatisierung. Shopware Premium Extension Partner, xentral-Partner, und einer der wenigen, die sowohl Core-Entwicklung als auch betriebswirtschaftliche Prozesse wirklich verstehen.

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