Xentral oder JTL: Welches ERP passt zu deinem E-Commerce?
Xentral und JTL-Wawi sind die wichtigsten ERP-Systeme für deutschen E-Commerce. Dieser Vergleich zeigt die Unterschiede bei Preisen, Architektur, Shopware-Integration und Automatisierung.
Xentral und JTL-Wawi. Diese zwei Namen fallen fast immer, wenn deutsche E-Commerce-Händler über Warenwirtschaft nachdenken. Beide kommen aus Deutschland, beide bedienen überschneidende Zielgruppen, und beide haben in den letzten Jahren ihre Preise spürbar angehoben. Trotzdem sind sie grundverschieden, und die Wahl zwischen den beiden hängt weniger von Features ab als von der Frage: Wie arbeitet ihr Unternehmen?
Die grundlegende Entscheidung: Cloud oder installierte Software
Xentral ist ein reines Cloud-System. Es läuft auf AWS-Servern in Frankfurt (ISO 27018 zertifiziert), es gibt keine On-Premise-Option, und das Modell ist klassisches SaaS. Monatliche Gebühr, immer aktuelle Software, kein Server vor Ort.
JTL-Wawi funktioniert anders. Die Software wird lokal installiert oder bei JTL gehostet. Das Grundprinzip ist eine installierte Anwendung mit SQL-Datenbank, die du selbst oder ein Partner betreibst. Das ist keine Schwäche. Für Händler mit hohem Datenvolumen und komplexen Lagerstrukturen ist das oft genau die richtige Architektur.
Wen das direkt aussortiert: Wer keine interne IT hat und nichts selbst verwalten möchte, ist bei Xentral besser aufgehoben. Wer täglich 10.000 Pakete versendet und eine tiefe Lagerverwaltung braucht, wird mit JTL deutlich glücklicher sein.
Was beide Systeme wirklich kosten
Bei beiden Anbietern gilt: Die günstigste Option in der Werbung und die günstigste realistische Option für produktiven Betrieb sind zwei verschiedene Dinge.
Xentral beginnt offiziell bei 99 Euro im Monat (Launch-Plan, 24 Monate Laufzeit, max. 1.200 Aufträge pro Jahr). Dazu kommt ein Pflicht-Onboarding für 1.990 Euro einmalig. Für normalen Betrieb braucht man den Business-Plan, der bei 649 Euro monatlich startet. Unbegrenzte Nutzer in allen Plänen ist dabei ein echter Vorteil für wachsende Teams.
JTL hat zum 1. April 2026 neue Tarife eingeführt. Die Start-Edition bleibt kostenlos, ist aber jetzt stärker eingeschränkt: Externe Shop-Konnektoren für WooCommerce, PrestaShop oder Custom-Verbindungen erfordern mindestens den Advanced-Tarif, der nun bei 119 Euro monatlich liegt (vorher 99 Euro, eine Erhöhung von rund 20%). Für externe Kanäle wie Amazon oder eBay kommen Order-Pakete hinzu: 100 Aufträge kosten 25 Euro im Monat, 2.500 Aufträge 259 Euro. Für professionellen Einsatz mit WMS und Hosting rechne mit 200 bis 400 Euro monatlich.
Realistisch betrachtet: Beide Systeme sind für ernsthaften E-Commerce vergleichbar teuer. Xentral bietet bei höherem Auftragsvolumen klarere Skalierung, weil FBA-Aufträge im Business-Plan keine separaten Order-Pakete benötigen. JTL bietet einen günstigeren Einstieg für Händler, die klein anfangen und wachsen möchten.
Preiserhöhungen als Planungsgrundlage
Ehrlich gesagt sollten beide Preisentwicklungen in die Entscheidung einfließen. Xentral hat die Business-Plan-Preise von früher rund 300 Euro auf aktuell 649 Euro angehoben, fast eine Verdopplung. JTL-Nutzer berichten im offiziellen Forum über erheblichen Unmut nach der Preiserhöhung im April 2026. Wer langfristig plant, sollte das in den Total Cost of Ownership einrechnen.
Shopware und Shopify: Wer verbindet sich besser?
Für den deutschen Markt ist die Shopware-Integration ein kritischer Punkt.
JTL bietet einen stabilen SaaS-Connector für Shopware 6, der Artikel, Bestände, Preise, Kunden und Bestellungen bidirektional und nahezu in Echtzeit synchronisiert. Shopware 5 unterstützt JTL seit Juli 2024 nicht mehr.
Xentral hat die alte Shopware-Integration 2025 auf Xentral Connect umgestellt, eine neue Low-Code-Integrationsschicht. Für Shopware 6.6 gibt es einen Beta-Connector. Xentral empfahl bestehenden Nutzern, bis Februar 2025 zu migrieren. Wer das noch nicht getan hat, sollte das dringend prüfen.
Shopify läuft bei beiden: Xentral bietet nativen Connector mit Echtzeit-Bestandsabgleich. JTL aktualisierte seinen Shopify-Connector im Mai 2025 und erfordert seitdem eine neue Autorisierung.
Automatisierung: Xentral hat die modernere Architektur
Hier liegt der deutlichste Unterschied.
Xentral hat mit “Flows” ein No-Code/Low-Code-Automatisierungssystem eingebaut, das direkt im System läuft. Du kannst damit VIP-Kundenregeln aufsetzen, automatisch Alerts für bestimmte Auftragstypen senden oder den gesamten Versandprozess ohne manuelle Eingriffe durchlaufen lassen. Das Order Traffic Light prüft vor dem Versand automatisch Bestand, Zahlung und Adressvalidierung.
JTL setzt auf JTL-Workflows und die JTL-Ameise für Massenimporte und -exporte. Beides funktioniert zuverlässig, ist aber technischer und für Nicht-Entwickler weniger zugänglich. Wer Automatisierung als strategisches Werkzeug einsetzen will, findet bei Xentral mehr Möglichkeiten. Wenn du außerdem Automatisierungen über Systemgrenzen hinweg brauchst, lässt sich Xentral mit über 200 Integrationen und einer offenen API gut in bestehende Workflows einbinden. Mehr dazu unter Automation & Prozessoptimierung.
Marktplätze: JTL hat die größere Auswahl
JTL unterstützt über 30 Marktplätze. Xentral deckt die zentralen Plattformen ab: Amazon (FBA und FBM), eBay, OTTO und Kaufland. Für die meisten deutschen Händler reicht das. Wer exotischere Marktplätze anbinden möchte, ist bei JTL besser aufgestellt.
Ein Detail, das oft übersehen wird: Bei Xentral sind FBA-Aufträge im Business-Plan kostenlos, also ohne Order-Paket-Logik. Das kann rechnerisch relevant sein, wenn FBA einen großen Teil des Volumens ausmacht.
Für wen welches System
Xentral macht am meisten Sinn für D2C-Marken und wachsende E-Commerce-Unternehmen, die Wert auf moderne Software legen. Cloud-first, kein IT-Aufwand intern, viel Automatisierung, Shopify oder Shopware als Hauptkanal. Xentral verarbeitete laut eigenem Business Barometer 2023 über 3 Milliarden Euro Transaktionsvolumen und 25 Millionen Aufträge seiner Nutzer.
JTL ist die richtige Wahl für klassische Multichannel-Händler mit hohem Sendungsvolumen, die auf ein ausgereiftes Ökosystem setzen. Über 50.000 Kunden und mehr als 500 Servicepartner sprechen für eine Plattform mit nachgewiesener Bewährtheit. Die bestätigte Skalierbarkeit bis 10.000 Pakete täglich macht JTL auch für den oberen Mittelstand geeignet.
Wer gerade erst anfängt: JTL Start ist kostenlos und ein guter Einstieg, um die Software kennenzulernen. Xentral bietet eine 14-tägige Testversion ohne Kreditkarte.
Wenn du Unterstützung bei der ERP-Auswahl oder -Einführung brauchst, helfen wir dir gerne dabei, die richtige Entscheidung für dein Unternehmen zu treffen. Mehr zu unserem Ansatz findest du unter ERP & Warenwirtschaft.
Über den Autor
Gründer & Geschäftsführer, BuI Hinsche GmbH / Business.Digital
Matthias Hinsche baut seit 2006 E-Commerce-Lösungen. Vom ersten osCommerce-Modul bis zur KI-gestützten Prozessautomatisierung. Shopware Premium Extension Partner, xentral-Partner, und einer der wenigen, die sowohl Core-Entwicklung als auch betriebswirtschaftliche Prozesse wirklich verstehen.